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@@ -1520,21 +1520,21 @@ Und doch muß ich meinen Entschluß vor Ihnen verbergen.
<line type="break"/>in <ul>Bückeburg.</ul></address>
</letterText>
<letterText letter="82"><page index="1"/><align pos="right">Den 18ten November. 75.</align>
<line type="break" />Mein Vater!
<line tab="1"/>Unaussprechl. glücklich haben Sie mich durch Ihren Brief gemacht und durch die Zeilen meiner Mutter. Fahren Sie fort, ich bitte Sie auf den Knien, mir ein zärtlicher Vater zu bleiben, Sie mögen sehen und hören von mir was Sie wollen. Weisen Sie mich aufs strengste zurecht, Sie, meine Mutter, meine lieben Geschwister; alles dient, alles frommt, und von Ihrer Hand mein Vater, die ich mit Thränen benetze, alIes <ul>doppelt und vierfach.</ul> Fodern Sie aber nicht, daß ich auf alles antworte, es müßte mich <ul>zu weit</ul> führen. Umstände verändern die Sache, ich kann nicht mehr sagen, aber alles, was Sie mir schreiben, was mir meine Mutter schreibt, sind güldene Aepfel in silbernen Schalen. Lange lange hab ich die Züge dieser Mutterhand mit stummer Innbrunst an meine Lippen gehalten und in Gedanken war ich bey Ihnen und fühlte Ihre seegnenden Küsse an meinen Wangen. Ach wie viel haben Sie mir in diesem Augenblick geschenkt. Sie sind also wieder mein, Sie lieben mich noch.
<sidenote pos="left" page="1" annotation="am linken Rand, vertikal"> Durch zwey Freunde die diesen Brief bis Leipzig bringen. Millionen Neujahrswünsche! Grüße an alle gute Freunde, alle. Wie kann sie der Brief auch fassen. </sidenote>
<letterText letter="82"><page index="1"/><align pos="right">D 18ten November. 75.</align>
<line tab="1"/>Mein Vater!
<line type="break" />Unaussprechl. glücklich haben Sie mich durch Ihren Brief gemacht und durch die Zeilen meiner Mutter. Fahren Sie fort, ich bitte Sie auf den Knien, mir ein zärtlicher Vater zu bleiben, Sie mögen sehen und hören von mir was Sie wollen. Weisen Sie mich aufs strengste zurecht, Sie, meine Mutter, meine lieben Geschwister; alles dient, alles frommt, und von Ihrer Hand mein Vater, die ich mit Thränen benetze, <ul>alles doppelt und vierfach.</ul> Fodern Sie aber nicht, daß ich auf alles antworte, es müßte mich <ul>zu weit</ul> führen. Umstände verändern die Sache, ich kann nicht mehr sagen, aber alles, was Sie mir schreiben, was mir meine Mutter schreibt, sind güldene Aepfel in silbernen Schaalen. Lange lange hab ich die Züge dieser Mutterhand mit stummer Innbrunst an meine Lippen gehalten und in Gedanken war ich bey Ihnen und fühlte Ihre seegnenden Küße an meinen Wangen. Ach wie viel haben Sie mir in diesem Augenblick geschenkt. Sie sind also wieder mein, Sie lieben mich noch.
<sidenote pos="left" page="1" annotation="am linken Rand, vertikal"> Durch zwey Freunde die diesen Brief bis Leipzig bringen. Millionen Neujahrswünsche! Grüsse an alle gute Freunde, alle. Wie kann sie der Brief auch fassen. </sidenote>
<line tab="1"/>Und sind nicht abgebrannt und sind so gesund daß Sie mir schreiben können und sind so gerecht, daß Sie mich außer Landes nicht durch Gewaltsamkeiten nach Hause ziehen wollen, so lang ich den innern Beruf dazu nicht habe. Das ist mein höchster Wunsch gewesen. Wir sind in allen Stücken <ul>einerley Meinung,</ul> beste Eltern, die Zeit wirds lehren.
<line tab="1"/>Wenn man zu einem Ziel schwimmen soll und Wasser liegt vor einem, muß man das Wasser nicht durcharbeiten? Trockenes Fußes konnten nur die Israeliten durchs rothe Meer gehen, als Gott der Herr noch Wunder that.
<line tab="1"/>Sie thun Herdern unrecht, er ist <ul>kein Socinianischer Christ.</ul> Lesen Sie doch ich bitte Sie seine <ul>Urkunde</ul> über das erste Kapitel I B. M. und seine Erläuterungen des Neuen Testaments. Er kommt als Professor der Theologie nach Göttingen. Haben Sie ein klein Büchelgen gelesen: Meynungen eines Layen zum Besten Geistlichen. Der Verfasser ist nicht bekannt.
<sidenote pos="left" page="1" annotation="am linken Rand, vertikal"> Wenn Sie können, lassen Sie sich die <ul>Iris</ul> eine periodische Schrift fürs Frauenzimmer kommen. Die Frau geheime Staatsräthin Ia Roche, eine der ersten Frauen des Jahrhunderts, schreibt die freundschaftl. Briefe darinn, die Oper Erwin und Elmire ist von Goethen, die Uebersetzung des Ossians von mir.</sidenote>
<line tab="1"/>Wenn man zu einem Ziel schwimmen soll und Waßer liegt vor einem, muß man das Waßer nicht durcharbeiten? Trockenes Fußes konnten nur die Israeliten durchs rothe Meer gehen, als Gott der Herr noch Wunder that.
<line tab="1"/>Sie thun Herdern unrecht, er ist <ul>kein Socinianischer Christ.</ul> Lesen Sie doch ich bitte Sie seine <ul>Urkunde</ul> über das erste Kapitel I B. M. und seine Erläuterungen des Neuen Testaments. Er kommt als Profeßor der Theologie nach Göttingen. Haben Sie ein klein Büchelgen gelesen: Meynungen eines Layen zum Besten der Geistlichen. Der Verfaßer ist nicht bekannt.
<sidenote pos="left" page="1" annotation="am linken Rand, vertikal"> Wenn Sie können, laßen Sie sich die <ul>Iris</ul> eine periodische Schrift fürs Frauenzimmer kommen. Die Frau geheime Staatsräthin La Roche, eine der ersten Frauen des Jahrhunderts, schreibt die freundschaftl. Briefe darinn, die Oper Erwin und Elmire ist von Goethen, die Uebersetzung des Ossians von mir.</sidenote>
<line tab="1"/>Ihr Rath in Ansehung Strasburgs ist noch zur Zeit unausführbar; doch schwöre ich für die Zukunft nicht. Wenigstens schmeichelt mir die Freundschaft einer ganzen Stadt (die im Grunde mich allein ernährt) so sehr, daß ich sehr vortheilhafte Anträge von andern Orten wie mich dünkt mit Recht ausgeschlagen habe. <aq>Patria ubi bene.</aq> Doch hat es mich freilich Sorgen und Nachtwachen gekostet, es dahin zu bringen und noch jetzt, ich schwör es Ihnen, sind die Wißenschaften und das Theater selbst nur meine Erholung.
<sidenote pos="left" page="1" annotation="am linken Rand, vertikal"> Was sagen Sie zu Lavaters Physiognomik? Haben Sie meinen Brief durch H. v. Medern nicht erhalten? Und können L. etwan bey Edelleuten um Dörpt herum Subskribenten verschaffen. Es ist freil. theuer, doch haben hier in Str. ganze Gesellschaften zusammen das Werk gekauft.</sidenote>
<line tab="1"/>Vielleicht thue ich auf den Frühjahr eine Reise nach Italien und Engelland in Gesellschaft eines reichen jungen Berliners (unter uns des Sohns des Münzjuden Ephraim) doch kränkt michs, daß ich den Hang dieses sonst so vortreflichkarakterisirten Menschen zu einer unüberlegten Verschwendung so stark sehe. Wer kann etwas vollkommen unter dem Monde wünschen. Und Gott der mich ich muß es dennoch wiederholen durch so viel geführt hat, bleibt meine Zuversicht.
<line tab="1"/>Herr v. Kleist ist wieder bey seinem Vater (durch meine lntriguen) um haushalten zu lernen. Daß ich von seinen hiesigen Verschwendungen keinen gar keinen Vortheil gehabt, daß er mich vielmehr bishero nur noch mit Versprechungen für alle mit ihm übernommene Müh u. Leiden belohnt hat, weiß der droben ist bitte ich aber, <ul>beschwöre</ul> ich Sie dennoch, für sich zu behalten. Was uns hier entzogen wird, kommt uns an einem andern Orte wieder Ans Heyrathen kommt mir noch kein Gedanke, es war Sturm der Leidenschaft der mich Ihnen die Briefe schreiben machte, die itzt in Freundschaft sehr ernsthafte Freundschaft verwandelt worden, aber nie wieder Liebe werden kann. Ich hatte damals nichts auf der ganzen Welt, an das ich mein Herz hängen konnte, meine Freundin war im nehml. Fall, unsere Herzen verschwisterten sich, ihren harten Stand einander erträglicher zu machen. Entfernung u. Umstände haben auf beyden Seiten vieles verändert, meine Dankbarkeit und Freundschaft aber bleibt ihr ewig.
<line tab="1"/>Meinen lieben lieben kritischen Moritz und sein dickes drolligtes rundes Weib küssen und seegnen Sie doch von mir. Sagen Sie ihm, Goethe könnte und müßte in Absicht seiner Sprache nur von seinen nächsten Landesleuten beurtheilt werden, und so lang Deutschland noch keine allgemeine Sprache hat, müsse er entfernten Provinzen noch solitär scheinen. Ich bitte mir aber dereinst sein Urtheil über meine <ul>Soldaten</ul> aus, die jetzt in Herders Händen liegen und noch wohl ein Jahr liegen dürfte, weil ich nicht eben gut finde damit ins Publikum zu eilen. Und meine liebe Märtyrin Lieschen? War das der omineuse traurige Abschied den sie mir gab. Sagen Sie ihr, daß „<ul>Leiden</ul> das große Geheimniß unserer Religion sey. Und daß ich für sie grüßen Sie den Tarwaster und sein liebes Weibgen. Goethe hält besonders viel auf ihn. Vor allen Dingen aber vergessen Sie nicht meinen lieben Bruder Christian. Daß er doch mir näher käme Ich werde Sie alle noch einmal sehen hier, hier, wünsche, glaube, vertraue ich. Sie mein Vater, Sie meine Mutter ich werde Gott schauen.
<line type="break" /><align pos="right">J M R Lenz.</align>
<sidenote pos="left" page="1" annotation="am linken Rand, vertikal">Klopstocks Republik ist eine verborgene Geschichte und Gesetzbuch der deutschen Dichter und der deutschen Kritik. Alle diese Dunkelheiten waren nothwendig, nur niemand öffentl. zu beleidigen.</sidenote>
<line tab="1"/>Vielleicht thue ich auf den Frühjahr eine Reise nach Italien und Engelland in Gesellschaft eines reichen jungen Berliners (unter uns des Sohns des Münzjuden Ephraim) doch kränkt michs, daß ich den Hang dieses sonst so vortreflichkarackterisirten Menschen zu einer unüberlegten Verschwendung so stark sehe. Wer kann etwas vollkommen unter dem Monde wünschen. Und Gott der mich ich muß es dennoch wiederholen durch so viel geführt hat, bleibt meine Zuversicht.
<line tab="1"/>Herr v. Kleist ist wieder bey seinem Vater (durch meine lntriguen) um haushalten zu lernen. Daß ich von seinen hiesigen Verschwendungen keinen gar keinen Vortheil gehabt, daß er mich vielmehr bishero nur noch mit Versprechungen für alle mit ihm übernommene Müh u. Leiden belohnt hat, weiß der droben ist bitte ich aber, <ul>beschwöre</ul> ich Sie dennoch, für sich zu behalten. Was uns hier entzogen wird, kommt uns an einem andern Orte wieder Ans Heyrathen kommt mir noch kein Gedanke, es war Sturm der Leidenschaft der mich Ihnen die Briefe schreiben machte, die itzt in Freundschaft sehr ernsthafte Freundschaft verwandelt worden, aber nie wieder Liebe werden kann. Ich hatte damals nichts auf der ganzen Welt, an das ich mein Herz hängen konnte, meine Freundin war im nehml. Fall, unsere Herzen verschwisterten sich, ihren harten Stand einander erträglicher zu machen. Entfernung u. Umstände haben auf beyden Seiten vieles verändert, meine Dankbarkeit u. Freundschaft aber bleibt ihr ewig.
<line tab="1"/>Meinen lieben lieben kritischen Moritz u. sein dikes drolligtes rundes Weib küßen u. seegnen Sie doch von mir. Sagen Sie ihm, Goethe könnte u. müßte in Absicht seiner Sprache nur von seinen nächsten Landesleuten beurtheilt werden u. so lang Deutschland noch keine allgemeine Sprache hat, müße er entfernten Provinzen noch solitär scheinen. Ich bitte mir aber dereinst sein Urtheil über meine <ul>Soldaten</ul> aus, die jetzt in Herders Händen liegen u. noch wohl ein Jahr liegen dürfte, weil ich nicht eben gut finde damit ins Publikum zu eilen. Und meine liebe Märtyrin Lieschen? War das der omineuse traurige Abschied den sie mir gab. Sagen Sie ihr, daß „<ul>Leiden</ul> das große Geheimniß unserer Religion sey. Und daß ich für sie grüßen Sie den Tarwaster u. sein liebes Weibgen. Goethe hält besonders viel auf ihn. Vor allen Dingen aber vergeßen Sie nicht meinen lieben Bruder Christian. Daß er doch mir näher käme Ich werde Sie alle noch einmal sehen hier, hier, hoffe, wünsche, glaube, vertraue ich. Sie mein Vater, Sie meine Mutter ich werde Gott schauen.
<line type="break" /><align pos="right">JMR Lenz.</align>
<sidenote pos="left" page="1" annotation="am linken Rand, vertikal">Klopstocks Republik ist eine verborgene Geschichte u. Gesetzbuch der deutschen Dichter und der deutschen Kritik. Alle diese Dunkelheiten waren nothwendig, nur niemand öffentl. zu beleidigen.</sidenote>
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