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@@ -1612,7 +1612,7 @@ Und doch muß ich meinen Entschluß vor Ihnen verbergen.
<letterText letter="89"><page index="1"/><align pos="right"><hand ref="20">Empfangen den 2ten Jan. 1776.</hand></align>
<line type="empty"/>
<line tab="1"/>Hier lieber Freund, Zerbin, den ich aber unverzüglich zurück haben muß, wenn Sie ihn nicht brauchen können, wollen, was weiß ich. Ich habe mehr als einen, der mir zehn <aq>Ducaten</aq> dafür giebt und was ich thue, thu ich um Ihrentwillen. Mit den Knitteln, dacht ichs doch daß es nicht gehen würde neinzuwerfen, Sie schicken mir aber, ich bitte, sie wieder, es wartet hier jemand mit Ungeduld auf sie. Meine grösseren Sachen können eine Weile ruhen, unterdessen bitte Hellwiegen einen warmen Gruß von mir zu sagen. Meinen letzten Brief an Sie und meine Umstände bitte verschwiegen zu halten.
<line tab="1"/>Hier lieber Freund, Zerbin, den ich aber unvdeverzüglich zurück haben muß, wenn Sie ihn nicht brauchen können, wollen, was weiß ich. Ich habe mehr als einen, der mir zehn <aq>Ducaten</aq> dafür giebt und was ich thue, thu ich um Ihrentwillen. Mit den Knitteln, dacht ichs doch daß es nicht gehen würde neinzuwerfen, Sie schicken mir aber, ich bitte, sie wieder, es wartet hier jemand mit Ungeduld auf sie. Meine grösseren Sachen können eine Weile ruhen, unterdessen bitte Hellwiegen einen warmen Gruß von mir zu sagen. Meinen letzten Brief an Sie und meine Umstände bitte verschwiegen zu halten.
<line tab="1"/>Herr Blessig den Sie noch aus Göttingen kennen werden arbeitet an etwas das wir Ihnen auch zugedacht haben und von dem er den ersten Bogen in einer unserer Versammlungen mit allgemeinem Beyfall vorgelesen. Sein Sujet ist die Bildung der Griechischen Sprache durch die Poeten und Philosophen und er sammelt noch fleissig Materialien zu künftiger Bearbeitung. Sie kennen vielleicht schon die ganze Feinheit und Stärke seiner Diktion.
<line tab="1"/>Unsere deutsche Gesellschaft vergrössert sich von Tage zu Tage. Schlosser ist auch davon und in Colmar Freyburg und andern benachbarten Oertern bekommen wir Zuwachs. In Erwartung baldiger Antwort und
<sidenote pos="left" page="1" annotation="Fortsetzung am linken Rand, vertikal"> Nachricht von Zerbins Schicksal, das ich ganz ohne Umstände mir als ein Biedermann zu bestimmen bitte, bin mit wahrer Freundschaft
@@ -1620,24 +1620,27 @@ Und doch muß ich meinen Entschluß vor Ihnen verbergen.
</letterText>
<letterText letter="90"><page index="1"/>
<line tab="1"/>Ists möglich Herder, daß ich Dir, ich mit gesammter Vaterlandsstimme noch nicht für Deine Ursachen des gesunkenen Geschmacks gedankt habe. Aber so gehts mir mit alle Deinen Sachen, ich geniesse so freudig so feurig daß ich allemal den grossen Dank darüber vergesse. Vergesse? Verhüte der Himmel das abscheuliche Wort, den Dank meines Herzens mußt Du gefühlt haben, nur gehts mir wie einem blöden Liebhaber im Angesicht seiner Vollkommenen dem die Zunge mit Bleygewichten gebunden ist der <it>zu reden</it> zittert. Nein ich kann nicht reden. Kann nur immer mit tränendem Aug in die Wolken sehn fröhlich glücklich seelig, daß Du da bist, daß Dein Weib, das süssere Weibliche Du Dir zur Seite schwebt also immer Werth und Belohnung mit Blumenketten aneinander gebunden geht. Herr Herr Gott barmherzig und gnädig, von grosser Liebe und Treue.
<line tab="1"/>Ists möglich Herder, daß ich Dir, ich mit gesammter Vaterlandsstimme noch nicht für Deine Ursachen des gesunkenen Geschmacks gedankt habe. Aber so gehts mir mit alle Deinen Sachen, ich geniesse so freudig so feurig daß ich allemal den grossen Dank darüber vergesse. Vergesse? Verhüte der Himmel das abscheuliche Wort, den Dank meines Herzens mußt Du gefühlt haben, nur gehts mir wie einem blöden Liebhaber im Angesicht seiner Vollkommenen dem die Zunge mit Bleygewichten gebunden ist der zu reden zittert. Nein ich kann nicht reden. Kann nur immer mit tränendem Aug in die Wolken sehn frölich glücklich seelig, daß Du da bist, daß Dein Weib, das süssere Weibliche Du Dir zur Seite schwebt also immer Werth und Belohnung mit Blumenketten aneinander gebunden geht. Herr Herr Gott barmherzig und gnädig, von grosser Liebe und Treue.
<page index="2"/>
<line tab="1"/>Ich hatte über die Geschichtsphilosophie ein Gestammel in Versen an Dich aufgesetzt, das ich aber als ein kindisch Lallen unterdrückte. Liebe Posaune des Erzengels, schmettere schmettere Tod und Gericht in tausend unbereitete Busen, mir bist Du Gesang ewigen ewigen Lebens. Daß ich einmal ein Mann würde und Ordnung um mich her sähe und mir die Schriften meiner Lieblinge alle nach ihrem individuellen Werth um mich her stellen könnte, wie groß und stark würde ich denn seyn. So aber genieß ich immer im Fluge, doch seelig
<line tab="1"/>Ich hatte über die Geschichtphilosophie ein Gestammel in Versen an Dich aufgesetzt, das ich aber als ein kindisch Lallen unterdrückte. Liebe Posaune des Erzengels, schmettere schmettere Tod und Gericht in tausend unbereitete Busen, mir bist Du Gesang ewigen ewigen Lebens. Daß ich einmal ein Mann würde und Ordnung um mich her sähe und mir die Schriften meiner Lieblinge alle nach ihrem individuellen Werth um mich her stellen könnte, wie groß und stark würde ich denn seyn. So aber genieß ich immer im Fluge, doch seelig
<line tab="1"/>Darf ich Dir zu dem Hügel Glück wünschen auf dem Du itzt Batterien anlegen wirst, grosser Freund des Herrn? Mein Herz wallt und schwingt sich für Freude über alle die Aussichten, ich aber ich mein Bruder ach eine Träne aus Deinem Männerauge ich werde untergehen und verlöschen in Rauch und Dampf. Doch will ich die Liebe mitnehmen. Sie allein wird mich <fn index="5"><anchor>#</anchor></fn>
<sidenote pos="left" page="2" annotation="am linken Rand, vertikal"> <fn index="5"><anchor>#</anchor></fn> zur Hölle hinabbegleiten u. noch da tröstend zur Seite stehn. Meine Reise nach Italien könnte sich wohl noch machen, aber sobald nicht. Der Stein des Anstosses ist fort, nur hängt mein Mann noch zu stark an Strasburg. Diese Reise ist mir eine wahre Höllenfahrt. Von allem mich loszureissen und doch muß es gerissen seyn. Herder laß Deine Seele, Deine Vaterwünsche mir folgen, mich nie verlassen. Und Deiner Frauen ach wenn sie mir wohl will, so kann ich Gott nicht unangenehm seyn. Lenz.</sidenote>
<sidenote pos="left" page="2" annotation="Fortsetzung am linken Rand der zweiten Seite, vertikal"> <fn index="5"><anchor>#</anchor></fn> zur Hölle hinabbegleiten u. noch da tröstend zur Seite stehn. Meine Reise nach Italien könnte sich wohl noch machen, aber sobald nicht. Der Stein des Anstosses ist fort, nur hängt mein Mann noch zu stark an Strasburg. Diese Reise ist mir eine wahre Höllenfahrt. Von allem mich loszureissen und doch muß es gerissen seyn. Herder laß Deine Seele, Deine Vaterwünsche mir folgen, mich nie verlassen. Und Deiner Frauen ach wenn sie mir wohl will, so kann ich Gott nicht unangenehm seyn. Lenz.</sidenote>
</letterText>
<letterText letter="91"><page index="1"/><hand ref="18">
<line tab="1"/>Mein lieber Lindau <tl></tl> zu Herrn v. Kniestätt. Er ist der einzige am Hof den ich kenne, und der wird Sie mit allen ehrlichen Leuten bekannt machen! Ich küße Sie herzlich; hier haben Sie einen Brief für ihn. Leben Sie wohl. Schl.
<line type="break"/>E. d 23 Dec. 1775.</hand>
<line tab="1"/>Mein lieber Lindau; <tl></tl> zu Herrn v. Kniestätt. Er ist der einzige am Hof den ich kenne, und der wird Sie mit allen ehrlichen Leuten bekannt machen! Ich küße Sie herzlich; hier haben Sie einen Brief für ihn Leben Sie wohl. Schl.
<line type="break"/>E. d 2<subst><del>4</del><insertion>3</insertion></subst> Dec: 1775.</hand>
<line tab="1"/>Den Einschluß gieb doch Zuckerpüppgen unserm Goethe ab. Sollt er noch nicht da seyn, laß es nur seinen Eltern
<line type="empty" />
<line type="break" /><hand ref="18"><align pos="center">vive St. Thomas!</align></hand>
<line type="break" />
<line tab="1"/>Hier bester Lindau ein Paar Zeilen von Schlossern von denen ich wünschte, daß sie Dich noch vor Carlsruh ereilten. Ich hatte die Nacht mit jungen Franzosen geschwärmt und nach der Mette mit ihnen frühstücken müssen. Nach dem Frühstück legt ich mich schlaffen und erwachte erst um zehn, da ichs denn für zu spät hielt, zu Dir zu gehen. Deine Bestellungen zeugen von der Güte Deines Herzens, leyder hab ich bey all unsern drey Buchhändlern nach den angezeigten Büchern vergebens gefragt. Einer aber hat mir versprochen, sie mir aufs höchste in drey Wochen aus Leipzig kommen zu lassen. Solltest Du Deine Meynung ändern, so schreib mirs daß Schlosser das Geld abgeben kann. Er kommt vielleicht auf die Neujahr hieher.
<line tab="1"/>Ich habe auch noch das Original des Briefes von Deinem treflichen Freunde Greven hier, von dem Du mir erlauben wirst, eine Kopey zu nehmen. Ich schick es durch Goethe, versiegelt wieder; ihn hab ihn 2, 3 mal durchgelesen und kann mich nicht genug weiden daran. Dein Peter ist mir <fn index="5"><anchor>#</anchor></fn>
<sidenote pos="left" page="1" annotation="am linken Rand, vertikal">auch immer vor den Augen und ich beneide Dich um den ganzen <del>Fu</del> Stolz solch eines Funds und solch eines Projeckts. Denk an mich, wenn Du Deine Schwester umarmst. Hernach vergiß mich, ich werde drum nie weniger seyn aus ganzer Seele Dein Freund Lenz</sidenote>
<page index="2"/><hand ref="12"><align pos="center">An
<line tab="1"/>Ich habe auch noch das Original des Briefes von Deinem treflichen Freunde Greven hier, von dem Du mir erlauben wirst, eine Kopey zu nehmen. Ich schick es durch Goethen, versiegelt wieder; ihn hab ihn 2, 3 mal durchgelesen und kann mich nicht ge<tl></tl> weiden daran. Dein Peter ist mir <fn index="5"><anchor>#</anchor></fn>
<sidenote pos="left" page="1" annotation="FOrtsetzung am linken Rand der ersten Seite, vertikal">auch immer vor den Augen und ich beneide Dich um den ganzen <del>Fu</del> Stolz solch eines Funds und solch eines Projekts. Denk an mich, wenn Du Deine Schwester umarmst. Hernach vergiß mich, ich werde drum nie weniger seyn aus ganzer Seele Dein Freund Lenz</sidenote>
<page index="2"/>
<line type="empty" />
<align pos="center"><note>in der Mitte des Blattes:</note></align>
<hand ref="12"><align pos="center">An
<line type="break"/><nr> </nr> von Lindau.</align>
<line tab="1"/>Lieber Lindau nur ein Wort auf diesen Brief. Seegne Dich Gott ferner mit gutem Glauben und Freude an Dir selbst. Wir sehn einander wohl wieder. Schreib mir nur ein Wort hierher wie Dirs geht, und wohin Du ziehst grüse den Engel. Weimar d. 8. Jan 1776.</hand>
</letterText>