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@@ -1683,22 +1683,23 @@ Und doch muß ich meinen Entschluß vor Ihnen verbergen. –
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<letterText letter="93"><page index="1"/><align pos="right">G. den 2. Jenner. 76.</align>
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<line tab="1"/>Mein erster Brief in diesem Jahre ist an Sie, liebster Lenz. Ich habe keinen Posttag versäumen wollen, Ihnen die Ankunft Ihrer Algierer zu melden und die versprochenen 4. Louisd’or zu schicken. Zwar hab’ ich noch keine Antwort von Seyler, aber ich bin gewiß, daß er mir für den Händel Dank wißen wird. Was ich sonst noch mit dem Stücke bey dem hiesigen oder Hamburger Theater erwuchern kann, sollen Sie ohne Verzug haben; alles mit dem gehörigen Anstand und Dekorum. Deshalb können Sie außer Sorge seyn. Übrigens seh’ ich aber nicht recht ein, warum wir Schriftsteller, da wir von dem Publikum überhaupt so wenig Belohnung zu hoffen haben, mit den Theaterdirektoren Komplimente machen oder vielmehr uns eines Händels schämen sollen, der in der ganzen Welt eingeführt ist. Doch wer hierunter Delikateße hat, muß geschonet werden. Goethe war vorige Woche hier; aber wie kurz! Er kam nach Mitternacht auf der Redoute an, brachte den folgenden Tag bey Hofe zu und reiste sodann mit der Weimarischen Herrschaft wieder zurück. Ich hab’ ihn in allem kaum eine Viertelstunde gesprochen. Er weiß noch nicht, wie lang er in Weymar bleiben wird, wo er den Günstling in bester Form und Ordnung spielt und den ihm eignen vertraulichen, nachlässigen, hingeworfnen Ton überall eingeführt hat. Ich muß ehestens hinüber, um mich selbst von dem Fuß zu über-<page index="2"/>zeugen, auf welchem er mit Wiel. steht. Was man davon hier erzählt, ist nicht zum Vortheil des leztem.
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<line tab="1"/>Mein Urtheil über die Algierer? Noch kann ich nichts, als sie loben. Zum urtheilen muß ich erst ein wenig kälter werden. Wenn dieses Stück keine Würkung thut, so geb’ ich mich nie wieder mit theatralischer Nativitätstellung ab. Solch ein warmes, ungetheiltes Intereße! Solche gedrängte Handlung! Solche Einfalt in Gang und Sprache! – Mich dünkt ich höre schon Ekhof Alonzo. – Daß ich, durch Hülfe eines Mittlern Vorhangs die Akte zusammengerückt und aus fünf, 3. gemacht, auch ein paar Ausdrücke gelindert habe, werden Sie mir verzeihen. Und dann einen einzigen Einwurf. Pietro ist seinem Vater ungefähr in seinem zehnten, zwölften Jahr entrissen worden. Sollt’ er sich so sehr verändert haben, daß Alonzo nicht die geringste Spur von Ahnlichkeit mehr fände – und wenn das wäre, auch der Vater? – Pietro hört sich von seinem Vater nennen und sein Herr sollte diese bekannte Stimme nicht wieder erkennen?
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<line tab="1"/><ul>Meine</ul> theatralischen Sachen lohnen des Postgelds nicht, sonst schickt’ ich sie Ihnen mit Vergnügen; aber sobald sich eine Gelegenheit zeigt, solls geschehen. Das Beste darunter ist noch nicht gedruckt; der <ul>Jahrmarkt,</ul> eine Operette und <ul>Mariane,</ul> ein bürgerliches Trauerspiel, nach der Melanie des Ia Harpe, aber so umgearbeitet, daß ich es
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<line tab="1"/>Mein erster Brief in diesem Jahre ist an Sie, liebster Lenz. Ich habe keinen Posttag versäumen wollen, Ihnen die Ankunft Ihrer Algierer zu melden und die versprochenen 4. <aq>Louisd’or</aq> zu schicken. Zwar hab’ ich noch keine Antwort von Seyler, aber ich bin gewiß, daß er mir für den Händel Dank wißen wird. Was ich sonst noch mit dem Stücke bey dem hiesigen oder Hamburger Theater erwuchern kann, sollen Sie ohne Verzug haben; alles mit dem gehörigen Anstand und Dekorum. Deshalb können Sie außer Sorge seyn. Übrigens seh’ ich aber nicht recht ein, warum wir Schriftsteller, da wir von dem Publikum überhaupt so wenig Belohnung zu hoffen haben, mit den Theaterdirektoren Komplimente machen oder vielmehr uns eines Händels schämen sollen, der in der ganzen Welt eingeführt ist. Doch wer hierunter Delikateße hat, muß geschonet werden. Goethe war vorige Woche hier; aber wie kurz! Er kam nach Mitternacht auf der Redoute an, brachte den folgenden Tag bey Hofe zu und reiste sodann mit der Weimarischen Herrschaft wieder zurück. Ich hab’ ihn in allem kaum eine Viertelstunde gesprochen. Er weiß noch nicht, wie lang er in Weymar bleiben wird, wo er den Günstling in bester Form und Ordnung spielt und den ihm eignen vertraulichen, nachlässigen, hingeworfnen Ton überall eingeführt hat. Ich muß ehestens hinüber, um mich selbst von dem Fuß zu über-<page index="2"/>zeugen, auf welchem er mit Wiel. steht. Was man davon hier erzählt, ist nicht zum Vortheil des leztern.
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<line tab="1"/>Mein Urtheil über die Algierer? Noch kann ich nichts, als sie loben. Zum urtheilen muß ich erst ein wenig kälter werden. Wenn dieses Stück keine Würkung thut, so geb’ ich mich nie wieder mit theatralischer Nativitätstellung ab. Solch ein warmes, ungetheiltes Intereße! Solche gedrängte Handlung! Solche Einfalt in Gang und Sprache! – Mich dünkt ich höre schon Ekhof Alonzo. – Daß ich, durch Hülfe eines Mittlern Vorhangs die Akte zusammengerückt und aus fünf, 3. gemacht, auch ein paar Ausdrücke gelindert habe, werden Sie mir verzeihen. Und dann einen einzigen Einwurf. Pietro ist seinem Vater ungefähr in seinem zehnten, zwölften Jahr entrißen worden. Sollt’ er sich so sehr verändert haben, daß Alonzo nicht die geringste Spur von Ahnlichkeit mehr fände – und wenn das wäre, auch der Vater? – Pietro hört sich von seinem Vater nennen und sein Herr sollte diese bekannte Stimme nicht wieder erkennen?
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<line tab="1"/><ul>Meine</ul> theatralischen Sachen lohnen des Postgelds nicht, sonst schickt’ ich sie Ihnen mit Vergnügen; aber sobald sich eine Gelegenheit zeigt, solls geschehen. Das Beste darunter ist noch nicht gedruckt; der <ul>Jahrmarkt,</ul> eine Operette und <ul>Mariane,</ul> ein bürgerliches Trauerspiel, nach der <aq>Melanie des la Harpe</aq>, aber so umgearbeitet, daß ich es
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<page index="3"/>so gut mein nennen kann, als Racine seine aus dem Euripides gestohlnen Tragödien. Ich weiß selbst nicht, warum <insertion pos="top">ich</insertion> es noch nicht über mich gewinnen kann, nach eignem Plane zu arbeiten.
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<line tab="1"/>Ihre Anmerkungen wegen des von den beyden Freunden zu beobachtenden Spiels sind vortreflich und ich werde sie gehörigen Orts mittheilen.
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<line type="break" />Empfehlen Sie mich den beiden Hhn. Salzmann u. H. Michaelis, wenn sie ihn sehen.
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<line type="break" />Mein Freund Sulzer ist auf einer Reise ins Hannöverische, um die Beschaffenheit der dortigen Viehseuche zu untersuchen.
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<line tab="1"/>Und meine Schwester in Lion – bald hätt’ ich Ihre ver<tl></tl>liche Nachfrage nicht beantwortet – befindet sich wo<tl></tl> wünscht aber sehnlich, künftiges Frühja<tl></tl> land zurückzukommen. Es wäre freylich <tl></tl> ich ihr bis Straßburg entgegen reisen kön<tl></tl> Die Stollberge sind schon vor einigen Woch<tl></tl> gereist und haben sich nur zwey Tage a<tl></tl> Fahren Sie fort mein Freund und von der Red<tl></tl> meines Herzens überzeugt zu seyn! Der Himmel laß es Ihnen sowohl gehen, als es Ihnen wünscht
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<line tab="1"/>Empfehlen Sie mich den beiden Hhln. Salzmann u. H. Michaelis, wenn sie ihn sehen.
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<line tab="1"/>Mein Freund Sulzer ist auf einer Reise ins Hannöverische, um die Beschaffenheit der dortigen Viehseuche zu untersuchen.
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<line tab="1"/>Und meine Schwester in Lion – bald hätt’ ich Ihre ver<tl></tl>liche Nachfrage nicht beantwortet – befindet sich wo<tl></tl> wünscht aber sehnlich<del>es</del>, künftiges Frühja<tl></tl> land zurückzukommen. Es wäre freylich <tl></tl> ich ihr bis Straßburg entgegen reisen kön<tl></tl> Die Stollberge sind schon vor einigen Woch<tl></tl> gereist und haben sich nur zwey Tage a<tl></tl> Fahren Sie fort mein Freund und von der Red<tl></tl> meines Herzens überzeugt zu seyn! Der Himmel laß es Ihnen sowohl gehen, als es Ihnen wünscht
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<line type="break" /><align pos="right">Ihr G.</align>
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<page index="4"/>
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<line type="empty" />
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<address><line type="break" />An Herrn
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<align pos="center"><note>Außenseite des zum Umschlag gefalteten Bogens:</note></align>
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<address><line type="break" /><aq>An Herrn
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<line type="break"/>Herrn <ul>Lenz</ul>
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<line type="break"/>mit 4. Louis’dor
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<line type="break"/>in <ul>Strasbourg.</ul>
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<line type="break"/>abzugeben bey Jngfer <ul>Lutte</ul> in der Knoblochsgaße.</address>
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<line type="break"/>abzugeben bey Jngfer <ul>Lutte</ul> in der Knoblochsgaße.</aq></address>
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</letterText>
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<letterText letter="94"><page index="1"/><align pos="right">D. 2ten Jenner 76. Strabg</align>
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@@ -1721,18 +1722,18 @@ Und doch muß ich meinen Entschluß vor Ihnen verbergen. –
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<letterText letter="96"><page index="1"/><align pos="center">Göttingen. Den 10ten Januar. 1776.</align>
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<line tab="1"/>Wie soll ich Ihnen meinen Dank sagen für Ihre vortrefliche Erzählung, mein liebster Lenz! vortreflicher, als ich noch eine in unsrer Sprache kenne, und die, durch Ihre Freundschaft, in mein Museum! Ich habe das erste Stück noch nicht, und weiß nicht eigentlich, was darin steht. Da ich mehr Mspt schicken mußte, als hineingeht, fürcht’ ich hat der Verleger aus eigner Bewegung was ausgelaßen, was nicht ausgelaßen werden sollte. Ich habe ihm heut Ihren Zerbin zugeschickt, und er kömmt ins zweyte Stück. Aber, um des Himmels willen, Freund, laßen Sie sich nicht merken, was ich Ihnen schicke. Ich kann keinem andern das geben, oder ich bin verloren mit dem ganzen Unternehmen, von dem ich mir jetzt selbst schon was zu versprechen anfange. Dank für die schönen Aussichten, die auch Sie mir machen. Freylich kenn und schätz ich Herrn Bleßig. Er hatte schon hier, so viel ich weiß, die Idee, von der Sie mir schreiben, und es soll mir sehr willkommen seyn, wenn er die Ausführung ins Museum geben will. Grüßen Sie ihn. Ich freue mich, daß sie einander kennen. Ein herrlicher Einfall mit Ihrer Gesellschaft von Freunden der Litteratur! Ich werde, wo ich hinkomme, auch eine zu veranlaßen suchen, wenn ich gleich solche Aussichten nicht vor mir habe, wie Sie. Es ist fast entschieden, daß ich nach Hannoverunter recht guten Bedingungen komme. Indeß bleib ich noch diesen Monat hier. Sehr viel hab ich, bey meinem lezten Aufenthalt, mit Zimmermann von Ihnen gesprochen. Wo sehen wir uns einmal? Ich brenne vor Begierde, Sie persönlich kennen zu lernen. Sagen Sie mir Ihre Aussichten. Werden Sie je eine Bedienung suchen. Und von welcher Art? Daß das, was Sie mir lezt schrieben, bey mir bleibt, versteht sich von selbst … Ist Pfeffel in Colmar auch unter ihnen? Schloßer hat mir neulich durch Prof. Meiners, mit dem er in Kor-<page index="2"/>respondenz steht, etwas Neues versprechen laßen, welches ich mit Begierde erwarte. Nun Göthe sich mit W. verbunden, darf ich mir von ihm nichts versprechen. Voß schickt mir eben einen Almanach für Sie. Ob Sie damit zufrieden seyn werden, daß er Sie unter dem Epigram genannt, weiß ich nicht. Ich bin nicht Schuld daran. Da es nicht mehr Postgeld macht, und ich das Geld desto bequemer beypacken kann, schließ ich das Paket an Pfeffel bey, und bitte, es gütigst zu besorgen. Sie werden sich über die Nachricht freuen, daß Gerstenberg endlich aus seinem litterarischen Schlaf aufwacht, und daß wir diesen Sommer ein paar Bände Schriften, so viel ich weiß ungedruckte, von ihm zu erwarten haben. Es ist eine Oper darunter. Wißen Sie etwas von einem jungen Genie, das in Kostnitz aufgewacht seyn soll, und von dem mir Zimmermann sehr viel erzählt hat? Von Klopstock bekommen wir Ostern eine deutsche Grammatik. Wie weit es mit dem zweyten Theil der G. R. ist, weiß ich nicht. Ein Versuch über die Biegsamkeit unsrer Sprache, den ich daraus gelesen, war herrlich. K. hatte darin Stellen aus den besten Griechen und Lateinern, jede in ihrem eignen Ton, übersetzt. Eine vollkommere Uebersezung ist vielleicht nicht, als die von dem berühmten Briefe des Brutus an den Oktavius. Wie gefallen Ihnen Voßens Idyllen? Er macht izt neue. Und Stolbergs Felsenstrom im Alm? Sein Meisterstück nach meinem Gefühle! Wißen Sie, daß Claudius eine Bedienung im Darmstädtischen bekommt? Ich erwart ihn nächstens hier. Die Stolberge sind izt wieder auf ihrer Reise nach Dänemark. Die armen Kammerherrn in der Antichambre! Wenn das erste Stück des Museums in
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<line tab="1"/>Wie soll ich Ihnen meinen Dank sagen für Ihre vortrefliche Erzählung, mein liebster Lenz! vortreflicher, als ich noch Eine in unsrer Sprache kenne, und die, durch Ihre Freundschaft, in mein Museum! Ich habe das erste Stück noch nicht, und weiß nicht eigentlich, was darin steht. Da ich mehr Mspt schicken mußte, als hineingeht, fürcht’ ich hat der Verleger aus eigner Bewegung was ausgelaßen, was nicht ausgelaßen werden sollte. Ich habe ihm heut Ihren Zerbin zugeschickt, und er kömmt ins zweyte Stück. Aber, um des Himmels willen, Freund, laßen Sie sich nicht merken, was ich Ihnen schicke. Ich kann keinem andern das geben, oder ich bin verloren mit dem ganzen Unternehmen, von dem ich mir jetzt selbst schon was zu versprechen anfange. Dank für die schönen Aussichten, die auch Sie mir machen. Freylich kenn und schäz ich Herrn Bleßig. Er hatte schon hier, so viel ich weiß, die Idee, von der Sie mir schreiben, und es soll mir sehr willkommen seyn, wenn er die Ausführung ins Museum geben will. Grüßen Sie ihn. Ich freue mich, daß sie einander kennen. Ein herrlicher Einfall mit Ihrer Gesellschaft von Freunden der Litteratur! Ich werde, wo ich hinkomme, auch eine zu veranlaßen suchen, wenn ich gleich solche Aussichten nicht vor mir habe, wie Sie. Es ist fast entschieden, daß ich nach Hannover unter recht guten Bedingungen komme. Indeß bleib ich noch diesen Monat hier. Sehr viel hab ich, bey meinem lezten Aufenthalt, mit Zimmermann von Ihnen gesprochen. Wo sehen wir uns einmal? Ich brenne vor Begierde, Sie persönlich kennen zu lernen. Sagen Sie mir Ihre Aussichten. Werden Sie je eine Bedienung suchen. Und von welcher Art? Daß das, was Sie mir lezt schrieben, bey mir bleibt, versteht sich von selbst … Ist Pfeffel in Colmar auch unter ihnen? Schloßer hat mir neulich durch Prof. Meiners, mit dem er in Kor-<page index="2"/>respondenz steht, etwas Neues versprechen laßen, welches ich mit Begierde erwarte. Nun Göthe sich mit W. verbunden, darf ich mir von ihm nichts versprechen. Voß schickt mir eben einen Almanach für Sie. Ob Sie damit zufrieden seyn werden, daß er Sie unter dem Epigram genannt, weiß ich nicht. Ich bin nicht Schuld daran. Da es nicht mehr Postgeld macht, und ich das Geld desto bequemer beypacken kann, schließ ich das Paket an Pfeffel bey, und bitte, es gütigst zu besorgen. Sie werden sich über die Nachricht freuen, daß Gerstenberg endlich aus seinem litterarischen Schlaf aufwacht, und daß wir diesen Sommer ein paar Bände Schriften, so viel ich weiß ungedruckte, von ihm zu erwarten haben. Es ist eine Oper darunter. Wißen Sie etwas von einem jungen Genie, das in Kostnitz aufgewacht seyn soll, und von dem mir Zimmermann sehr viel erzählt hat? Von Klopstock bekommen wir Ostern eine deutsche Grammatik. Wie weit es mit dem zweyten Theil der G. R. ist, weiß ich nicht. Ein Versuch über die Biegsamkeit unsrer Sprache, den ich daraus gelesen, war herrlich. K. hatte darin Stellen aus den besten Griechen und Lateinern, jede in ihrem eignen Ton, übersetzt. Eine vollkommere Uebersezung ist vielleicht nicht, als die von dem berühmten Briefe des Brutus an den Oktavius. Wie gefallen Ihnen Voßens Idyllen? Er macht izt neue. Und Stolbergs Felsenstrom im Alm? Sein Meisterstück nach meinem Gefühle! Wißen Sie, daß Claudius eine Bedienung im Darmstädtischen bekommt? Ich erwart ihn nächstens hier. Die Stolberge sind izt wieder auf ihrer Reise nach Dänemark. Die armen Kammerherrn in der Antichambre! Wenn das erste Stück des Museums in
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<page index="3"/>Ihre Hände kömmt, sagen Sie mir Ihre Gedanken. Anbey folgt der Schulmeister zurück. Ich hätte gern das Original als ein Andenken von Ihrer Hand behalten, und hab’s abschreiben laßen. Wenn die Abschrift leserlich ist, schick ich Ihnen die. Leben Sie wohl, und bleiben Sie mir gut. Ohne Falsch, <insertion pos="top">ohne</insertion> alle Nebenabsicht der Ihrige Boie.
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<line tab="1"/>Von den W. noch keine Nachricht. Wüßt ich, daß sie bald kämen, hätt ich das Packet bis dahin aufgehalten, um Postgeld zu ersparen. Wenn Sie doch solcher Erzählungen, wie Zerbin, noch mehr machten! Auch den Anschluß an Hn. Schneider bitte zu besorgen. Ich habe keine Dukaten, und hoffe, Sie werden auch die L. brauchen können. 4 <aq>Louisd.</aq> machen 7 Duk.
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</letterText>
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<letterText letter="97"><page index="1"/>
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<line tab="1"/>Ich schreibe Dir, lieber <it>Lenz,</it> dießmahl in einer wunderlichen Verfassung Ich habe da ein anderthalb Hundert Bürger um mich deren Wohlfart ich besorgen soll; und die doch selten selbst wissen was ihre Wohlfart ist – doch wer weis es? warlich, lieber Freund, es ist sehr schwehr, es ist fast unmöglich in der Welt Leute glücklich zu machen, die so in tausend und tausend Verhältnisse verwickelt sind, so in und ausser sich immer zu kämpfen haben, daß sie alle 2 Schritte anstoßen. Auch ist wirklich das Gebäude von menschlicher Mühseeligkeit so zusammen gesetzt daß an dieser dädalischen Maschine alle Augenblicke etwas fehlen muß.
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<line tab="1"/>Doch in der That, mein Lieber, wenn ich mir recht auf den Puls fühle, so ist der gröste Defect an Glückseeligkeit meiner und ich glaube auch wohl aller Menschen negatif. Es ist nicht so viel Schmerz und Leiden, als vielmehr Oede an herzrührenden herzfühlenden Freuden, das uns drückt. Daher kommt das Gähnen – die größte Quaal des Lebens, das Jagen nach falscher Glückseeligkeit oder Freude, das Haschen nach Ehre, der Durst der Eitelkeit, das Koketiren des Mädchens, des Dichters, des Autors, und die tausend Schmetterlinge nach denen wir immer greifen, und die uns nie gnügen, wenn wir sie haben.
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<line tab="1"/>Ich schreibe Dir, lieber <it>Lenz,</it> dießmahl in einer wunderlichen Verfassung Ich habe da ein anderthalb Hundert Bürger um mich, deren Wohlfart ich besorgen soll, und die doch selten selbst wissen was ihre Wohlfart ist – doch wer weis es? warlich, lieber Freund, es ist sehr schwehr, es ist fast unmöglich in der Welt Leute glücklich zu machen, die so in tausend und tausend Verhältnisse verwickelt sind, so in und ausser sich immer zu kämpfen haben, daß sie alle 2 Schritte anstoßen. Auch ist wirklich das Gebäude von menschlicher Mühseeligkeit so zusammen gesetzt, daß an dieser dädalischen Maschine alle Augenblicke etwas fehlen muß.
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<line tab="1"/>Doch in der That, mein Lieber, wenn ich mir recht auf den Puls fühle, so ist der gröste Defect an Glückseeligkeit meiner und ich glaube auch wohl aller Menschen, negatif. Es ist nicht so viel Schmerz und Leiden, als vielmehr Oede an herzrührenden herzfühlenden Freuden, das uns drückt. Daher kommt das Gähnen – die größte Quaal des Lebens, das Jagen nach falscher Glückseeligkeit oder Freude, das Haschen nach Ehre, der Durst der Eitelkeit, das Koketiren des Mädchens, des Dichters, des Autors, und die tausend Schmetterlinge nach denen wir immer greifen, und die uns nie genügen, wenn wir sie haben.
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<line tab="1"/>Und woher dünkt Dich kommt das? Meinst Du daß es an Armut der Welt, oder glaubst Du daß es an Schlaffheit der Mode liegt? Sterben wir aus <aq>inedia</aq> oder <aq>ex fame</aq>?
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<line tab="1"/>Mich dünkt es fehlt mehr an uns als an der Welt. Die Freuden der Liebe, der Freundschaft, des ächten Wohlthuns, des Lebens mit Gott, die Freude des Künstlers an Ton, an Farbe, an Gestalt, sollte uns das nicht überzeugen daß die Welt reich genug ist und daß nur wir zu schwache Magen haben. – Und ist’s nicht blos die Erziehung die uns diese geschwächt hat?
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<line tab="1"/>Ich bin einmal in der Meinung daß kein Philister gebohren wird. In allen sind einige Nerven vorzüglich gespannt, die durch die Erziehung so vest und sicher gestimmt werden können, daß die seelige Vibration nie fehlen kann, wir mögen uns in der Welt hinwenden wohin wir wollen.
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<line tab="1"/>Ich bin nun einmal in der Meinung daß kein Philister gebohren wird. In allen sind einige Nerven vorzüglich gespannt, die durch die Erziehung so vest und sicher gestimmt werden können, daß die seelige Vibration nie fehlen kann, wir mögen uns in der Welt hinwenden wohin wir wollen.
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<line tab="1"/>Leb wohl! Der Augenblick den ich während des Schreibens des Actuarii erwischte, ist vorbey! – Ich küsse Dich herzlich!
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<line tab="1"/>Du schreibst mir nichts von den Büchern die ich verlangte: Herodot, Diod. Sic. und Plutarch. Kannst Du sie nicht haben – <it>Lindau</it> ist ein Stockfisch. Ich habe ihm keinen Auftrag gegeben. Er soll sich besser erklären. Adieu.
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<line type="break" /><align pos="right">Schlosser.</align>
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@@ -1741,12 +1742,12 @@ Und doch muß ich meinen Entschluß vor Ihnen verbergen. –
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<letterText letter="98"><page index="1"/><align pos="center">Hochgeehrtester Herr!</align>
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<line type="break"/>Hier die Offenbarung Johannis von Lavater – an <it>Herder.</it>
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<line tab="1"/><it>Lavater</it> grüßt Sie herzlich – hat nicht Zeit zu schreiben. Bittet Sie die Offenbarung, so bald möglich an <it>Herder</it> durch Hrn. Geheimen Rath <aq>Heß</aq> in Darmstadt – zu überschicken – nebst <it>Stollberg</it> – eins vor Sie samt <it>Passavant</it> und <it>Pfenninger.</it> Leben Sie wol. Ihr ergebener Diener bey
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<line type="break"/>Hier die Offenbarung Johannis von <it>Lavater</it> – an <it>Herder.</it>
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<line tab="1"/><it>Lavater</it> grüßt Sie herzlich – hat nicht Zeit zu schreiben. Bittet Sie die Offenbarung, so bald möglich an <it>Herder</it> durch Hrn. Geheimen Rath <it>Heß</it> in Darmstadt – zu überschicken – nebst <it>Stollberg</it> – eins vor Sie samt <it>Passavant</it> und <it>Pfenninger.</it> Leben Sie wol. Ihr ergebener Diener bey
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<line type="break" /><align pos="right"><it>Johann Caspar Lavater.</it>
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<line type="break"/>befindt sich sehr wol.</align>
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<line type="break" /><align pos="center">Zürich. d. 14. Jan. 76.</align>
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<line type="break" /><align pos="center">Zürich. den 14. Jan. 76.</align>
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<line type="break" /><address>An Hrn. <it>Lenz</it></address>
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</letterText>
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@@ -1756,7 +1757,7 @@ Und doch muß ich meinen Entschluß vor Ihnen verbergen. –
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<line tab="1"/>Ich danke Ihnen mit ganzem Herzen, Bester! für die freundschaftliche Mühwaltung die Sie sich haben geben wollen, meinen Seeräuber in die Hosen zu bringen. Ich habe die Vier alte Louisdor richtig erhalten, für die mein Dank zurückkommt. Lassen Sie mir meine Gefühlsart (so übersetz ich Delikatesse) das mehrere was Sie dafür von den Schauspielern erhalten können, mehr um Sie nicht zu verwöhnen, als um zu gewinnen, Ihnen mein bester Freund zu Ihrem selbstbeliebigen anderweitigen Gebrauch anzubieten. Ich bin zufrieden mit dem was man mir freywillig gab.
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<line tab="1"/>Da Sie doch einmal so freundlich sind und sich mit dem Buben zu thun geben wollen, so bitte ich Hn. Seiler oder wem Sie ihn anvertrauen auch noch folgende kleine Einschiebsel in den Dialog zuzusenden, die das Ganze überschaulicher machen und vielleicht manche kleine Hindernisse an die sich die Täuschung stieß, wegräumen werden. Etwa in der
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<page index="2"/>ersten Szene ersten Akts, sobald Alonzo Marianen den Anschlag entdeckt hat, den er mit dem Sklaven hat (wie die Stelle heißt kann ich mir nicht mehr erinnern) könnte der antworten, eh er ihm noch den Glückwunsch thut
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<page index="2"/>ersten Scene ersten Ackts, sobald Alonzo Marianen den Anschlag entdeckt hat, den er mit dem Sklaven hat (wie die Stelle heißt kann ich mir nicht mehr erinnern) könnte der antworten, eh er ihm noch den Glückwunsch thut
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<sidenote pos="left" page="1" annotation="am linken Rand der ersten Seite, vertikal"> Meine Adresse ist an Hn Lenz, abzugeben bey Hn. Miville Vater und Sohn in Kehl.</sidenote>
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<line tab="1"/><ul>Mar.</ul> Wie aber wenn Sie alles dies nicht nöthig hätten und Ihr Sohn etwa gar mit unter den Sklaven wäre, die der Ritter Ackton eingebracht hat
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@@ -1765,15 +1766,16 @@ Und doch muß ich meinen Entschluß vor Ihnen verbergen. –
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<line type="break"/><ul>Alonzo</ul> Würd’ ihm denn da nicht mein alter Freund Ramiro Nachricht von mir gegeben haben? – Hören Sie, er ist Ihr Correspondent, Sie könnten allenfalls doch, wenn Sie an ihn oder jemand anders in Barcellona schrieben, <del>allenfalls</del> Nachfrage thun. Sie erwiesen mir einen Dienst dadurch. – Doch was wollen wir uns mit Schimären den Kopf zerbrechen. Ich weiß daß sein Herr ihn nicht von sich läßt, wie sollte er denn jemals in Spanierhände gerathen? So aber bekomm’ ich ihn wieder und wenn er in Beelzebubs Klauen steckte.
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<sidenote pos="left" page="2" annotation="am linken Rand, vertikal">
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<line tab="1"/>wenn es gedruckt wird bitt ich mir einige Exemplare für meine Freunde aus – ich wäre sehr begierig von einem nicht schonenden Freunde die Wirkung zu erfahren, die das Stück auf dem Theater thut. Es könnte vielleicht mir Gelegenheit geben Ihnen etwas anders zuzuschicken, daß sonst kein Mensch auf der Welt würde zu sehen bekommen haben. ich bin entsetzlich fürs <ul>gespielt werden</ul> wenn es unbeschadet anderer Sachen seyn kann.</sidenote>
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<line tab="1"/>wenn es gedruckt wird bitt ich mir einige Exemplare für meine Freunde aus – ich wäre sehr begierig von einem <ul>nicht schonenden</ul> Freunde die Wirkung zu erfahren, die das Stück auf dem Theater thut. Es könnte vielleicht mir Gelegenheit geben Ihnen etwas anders zuzuschicken, daß sonst kein Mensch auf der Welt würde zu sehen bekommen haben. ich bin entsetzlich fürs <ul>gespielt werden</ul> wenn es unbeschadet anderer Sachen seyn kann.</sidenote>
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<line tab="1"/>Und weiter unten etwa in der zweyten Scene zweyten Ackts, wo die Verwechslung der Kleider
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<page index="3"/>geschieht, als Osmann Pietro fragt: Und was soll aus dir werden? und dieser antwortet: Kümmerts mich doch nicht„ – könnte er frostig lachend hinzusetzen, „ich hab’ ja auch noch Verwandte in Spanien die ich aufsuchen kann wenns aufs höchste kommt“
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<line tab="1"/>Sie sehen daß dies die Folgen von Ihren Anmerkungen sind, für die ich Ihnen herzlichst danke. <del>Doch</del> Man arbeitet bisweilen so flüchtig weg, ohne sich genug umzusehen nach Lesern und Zuschauern und nach ihren Ideefolgen. Doch fällt Ihre Beschuldigung Plautussen unendlich mehr zur Last als mir, der <insertion pos="top">ich</insertion> durch die Veränderung des Au<tl></tl>halts des alten Alonzo, durch die lange Zeit des Ausbleibens, durch die türkische Kleidung, am meisten aber durch den alle andere Erinnerungen verschlingenden Enthusiasmus der Freundschaft in der Seele Pietros (wohin auch die Aufschrift des Stücks weiset) allen Störungen der Illusion wie mich deucht itzt wohl hinlänglich ausgebeugt habe.
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<line tab="1"/>Sie sehen daß dies die Folgen von Ihren Anmerkungen sind, für die ich Ihnen herzlichst danke. <del>Doch</del> Man arbeitet bisweilen so flüchtig weg, ohne sich genug umzusehen nach Lesern und Zuschauern und nach ihren Ideefolgen. Doch fällt Ihre Beschuldigung Plautussen unendlich mehr zur Last als mir, der <insertion pos="top">ich</insertion> durch die Veränderung des Au<tl></tl>halts des alten Alonzo, durch die lange Zeit des Ausbleibens, durch die türkische Kleidung, am meisten aber durch den alle andere Erinnerungen verschlingenden Enthusiasmus der Freundschaft in der Seele Pietros (wohin auch die Aufschrift des Stücks weiset) allen Stöhrungen der Illusion wie mich deucht itzt wohl hinlänglich ausgebeugt habe.
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<line tab="1"/>Für die Nachrichten von Goethen, Wieland, danke ich zärtlichst. Die von Ihnen bitte aber sobald es seyn kann mit Urkunden zu belegen, damit ich sie hier meinen Freunden mittheilen kann. Fahren Sie fort mir Ihren schätzbaren Briefwechsel zu gönnen, und von Zeit zu Zeit was von Ihrer Fräulein Schwester was einzumischen die ich dem leichtsinnigen Gallien mißgönne. Ich lebe hier ziemlich wohl und <ul>ausgebreitet,</ul> nur muß ich alles was mich etwas preßt sehr sorgfältig verstecken. Meine
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<sidenote pos="left" page="3" annotation="am linken Rand, vertikal">
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<line tab="1"/>Situation ist eine der wunderbarsten die ich mir jemals hätte können träumen lassen. <ul>Soviel</ul> gesellschaftliche Freunde und keinen fürs Bedürfniß. Und beydes nimmt nach dem Maaß zu nach dem ich hier bekannter werde. – Es wird Ihnen nicht besser gehn nur daß die Stadt so groß nicht ist.</sidenote>
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<page index="4"/>
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<line type="empty"/>
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<align pos="center"><note>Außenseite des zum Umschlag gefalteten Bogens:</note></align>
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<line type="break"/><address>Herrn
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<line type="break"/>Herrn <ul>Gotter</ul>
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<line type="break"/>Archivarius
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@@ -1783,7 +1785,7 @@ Und doch muß ich meinen Entschluß vor Ihnen verbergen. –
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<letterText letter="100"><page index="1"/>
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<line tab="1"/>Daß ich Deinem Peter viel sagen könnte ist wahr. Daß ich von ganzem Herzen gern seinem Genie den ersten Stoß und die erste Richtung geben, ihn bey seinem Eintritt in das was <ul>man Welt</ul> nennt begleiten, die neuen Gegenstände die er sehen wird all in ihrem wahren Licht weisen und mit allen den Muth herunterspannenden Gefahren die auf ihn warten bekannt machen möchte, ist auch wahr, denn es wäre Schade wenn ein Mensch wie der durch Gesichter die nicht denken wie er jemals heruntergespannt oder gleich im Anfange seiner Laufbahn für immer gelähmt würde
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<line tab="1"/>Aber nun die Kosten lieber Lindau! die Kosten. Ihr seyd nicht reich, ich bin ein Bettler. Apostolisch zu reisen leidet die Jahrszeit nicht. Ich muß hier hundert Bändergen zerhauen die ich nachher schwer wieder anknüpfen kann
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<page index="2"/>Doch <ul>kann ich sie</ul> anknüpfen und an eine Entschädigung will ich nicht denken, nur freye Reisekosten hin und zurück, freyer Aufenthalt in Weymar und Cassel sind Sachen die ich verlangen muß. Den Hof zu Weymar zu sehen, der jetzt ein Zusammenfluß der schönen Geister in Deutschland wie der der Medicis ehemals in Florenz wird, wäre mir freylich mit eine große Belohnung für die Beschwerlichkeiten der Reise. Also rechnet nun nach dem Postkalender die Meilen, rechnet die Tage unsers Aufenthalts, rechnet die Rückreise, ein zwölf Louisdor werdt ihr müssen in die Hand nehmen, von Ernmedingen nichts zu sagen und dem Umweg auch darüber.
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<page index="2"/>Doch <ul>kann ich sie</ul> anknüpfen und an eine Entschädigung will ich nicht denken, nur freye Reisekosten hin und zurück, freyer Aufenthalt in Weymar und Cassel sind Sachen die ich verlangen muß. Den Hof zu Weymar zu sehen, der jetzt ein Zusammenfluß der schönen Geister in Deutschland wie der der Medicis ehemals in Florenz wird, wäre mir freylich mit eine große Belohnung für die Beschwerlichkeiten der Reise. Also rechnet nun nach dem Postkalender die Meilen, rechnet die Tage unsers Aufenthalts, rechnet die Rückreise, ein zwölf Louisdor werdt ihr müssen in die Hand nehmen, von Emmedingen nichts zu sagen und dem Umweg auch darüber.
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<line tab="1"/>Ihr geht also sicher nach Amerika. Auch darüber hätt ich viel mit euch zu reden NB. das läßt sich nur reden. Wenn ihr nach Amerika geht, müßt ihr nicht <ul>umsonst dagewesen</ul> seyn, so wenig als euer Peter der euch in allem unterstützen wird. Mein Rath soll euch bis dahin begleiten
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<line tab="1"/>Kennt ihr Gaudi Anweisung für Offiziers von der Infanterie Feldschanzen anzulegen. p Schafft euch das an, es kann euch brauchbar seyn und ist nicht schwer. Hier ists nicht zu h<tl></tl> sonst schickt’ ichs euch.
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@@ -1801,64 +1803,66 @@ Und doch muß ich meinen Entschluß vor Ihnen verbergen. –
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<letterText letter="101"><page index="1"/>
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<line tab="1"/>Lieber Bruder! ich bin in grausamer Beklemmung. Es ist die Frage ob ich v lieben darf. Sie ist diesen Morgen so mächtig in meinem Herzen worden daß sie mir das innere Leben meines Geistes anzugreiffen drohte. Ich fragte mich ist es nicht Eitelkeit, Eigennutz oder noch was schlimmers was in deinem Herzen dies unheilige Feuer angezündet hat – warum willst Du der ganzen Welt und allem was darinn auf Liebe Anspruch macht Unrecht thun. Die innenwendige Moralische Schraubenbewegung ward aufs höchste getrieben – ich lag auf der Folter. Gott der Gedanke in dem ich eben Trost meines Lebens fand – dieser einzige Gedanke Sünde. Etwas für sie zu thun – Du weißt daß dies noch das einzige war das mich an dies Leben band. Denn für andre glaub ich auch nach dem Tode wirken zu können.
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<line tab="1"/>Ich bin wieder hergestellt. Die Ungewißheit konnte nicht dauern und gottlob der unsre Seelen so eingerichtet hat. Einem Leiden von der Art wenn es anhielt wär auf der Welt nichts zu vergleichen und endliche Kräfte zu schwach dafür
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<page index="2"/>Ich bin nicht gehalten etwas zu lieben, das nicht einen mir fühlbaren Werth hat. Und das was ich bis auf den Grad meiner Geliebten lieben darf muß einen Werth haben, der sich auf mich bezieht. Sonst müst ich die ganze Welt heurathen. Ich bin also fest entschlossen meine heilige Grille sie mit keinem Geschöpf auszutauschen in den Sarg mitzunehmen – sag mir drüber was Du willst. Denn ihren Werth kann und wird sie hoffe ich nicht verlieren u. wohl mir wenn sie mich nie liebt als nach Beziehung des Meinigen auf sie.
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<line tab="1"/>Lieber Bruder! ich bin in grausamer Beklemmung Es ist die Frage ob ich v lieben darf. Sie ist diesen Morgen so mächtig in meinem Herzen worden daß sie mir das innere Leben meines Geistes anzugreiffen drohte. Ich fragte mich ist es nicht Eitelkeit, Eigennutz oder noch was schlimmers was in deinem Herzen dies unheilige Feuer angezündet hat – warum willst Du der ganzen Welt und allem was darinn auf Liebe Anspruch macht Unrecht thun. Die innenwendige Moralische Schraubenbewegung ward aufs höchste getrieben – ich lag auf der Folter. Gott der Gedanke in dem ich allen Trost meines Lebens fand – dieser einzige Gedanke Sünde. Etwas für sie zu thun – Du weist daß dis noch das einzige war daß mich an dies Leben band. Denn für andre glaub ich auch nach dem Tode wirken zu können.
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<line tab="1"/>Ich bin wieder hergestellt. Die Ungewißheit konnte nicht dauren und gottlob der unsre Seelen so eingerichtet hat. Einem Leiden von der Art wenn es anhielt wär auf der Welt nichts zu vergleichen und endliche Kräfte zu schwach dafür
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<page index="2"/><line tab="1"/>Ich bin nicht gehalten etwas zu lieben, das nicht einen mir fühlbaren Werth hat. Und das was ich bis auf den Grad meiner Geliebte lieben darf muß einen Werth haben, der sich auf mich bezieht. Sonst müst ich die ganze Welt heurathen. Ich bin also fest entschlossen meine heilige Grille sie mit keinem Geschöpf auszutauschen in den Sarg mitzunehmen – sag mir drüber was Du willst. Denn ihren Werth kann und wird sie hoffe ich nicht verlieren und wohl mir wenn sie mich nie liebt als nach Beziehung des Meinigen auf sie.
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<line type="break" /><align pos="right">L</align>
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<line tab="1"/>Was ihr Werth in Beziehung auf mich ist? – Alles. Ich behalte keinen Werth übrig wenn ich den ihrigen zu lieben aufhöre. Meine Existenz ist vergeblich. Ich handelte für sie – sie allein ist und kann zuverlässige Richterin meiner Handlungen seyn und wer mein Verhältniß zu ihr versteht. Ob sie es seyn wird ist die Frage nicht.
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<line tab="1"/>Was ihr Werth in Beziehung auf mich ist? – Alles. Ich behalte keinen Werth übrig wenn ich den ihrigen zu lieben aufhöre. Meine Existenz ist vergeblich. Ich handelte für sie – sie allein ist und kann zuverlässige Richterinn meiner Handlungen seyn und wer mein Verhältniß zu ihr versteht. Ob sie es seyn wird ist die Frage nicht.
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<letterText letter="102"><page index="1"/><align pos="center">Mein bester Lavater!</align>
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<line tab="1"/>Eben habe ich ein paar Seiten in Deiner Gastpredigt gelesen Auch ich hoffe ich baue auf dem Grunde in welchem Jesus Christus der Eckstein ist. Alle Verschiedenheiten aber wird und muß Gott einigen.
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<line tab="1"/>Eben habe ich ein Paar Seiten in Deiner Gastpredigt gelesen Auch ich hoffe ich baue auf dem Grunde in welchem Jesus Christus der Eckstein ist. Alle Verschiedenheiten aber wird und muß Gott einigen.
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<line tab="1"/>Ich habe Lindau an mein Herz gedrückt. Er ist viel besser zurückgekommen als er hinreiste und sein Herz fühlt sehr sehr dankbar gegen Dich. Könnt ich Dir nur mehrere zur Kur zusenden –
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<line tab="1"/>Hier hast Du eine Layenepistel von Schlossern, hast Du einen ruhigen Augenblick so ließ sie und sag mir wie sie Dir gefallen hat. Ich muß sie wieder haben weil sie weiter geht.
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<line tab="1"/>Goethe hat mir ein Zettelgen aus Weimar geschrieben und ist sehr zufrieden mit Wielanden. Bindet mir auch ein, ich soll ihn ungeschoren lassen. – Er hat mich auf meinen Posten nicht hingestellt, und ich kann nicht wider meine <aq>Consigne</aq> handeln, was auch Freund und Feind dazu sagen mag. Soviel weiß ich aber daß Wiel. mein Freund werden wird wenn alles unter uns abgethan ist. Nur das letzte Wort darf ich ihn nicht behalten lassen, weil es nicht meine Sache ist die ich treibe. Sobald der Streit nur mich
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<page index="2"/>angeht, werd’ ich zu schweigen wissen. Das kannst Du allenfalls auch Wiel. selber sagen und ihm das Schwert gegen mich in die Hand weyhen. Nur schone er was heilig ist unter <ul>Göttern</ul> und <ul>Menschen,</ul> ich will nicht geschonet seyn.
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<line tab="1"/>Lavater! möchtest Du ein Bild in Deine Physiognomik, mit dem Du das Ideal weiblicher Vollkommenheit ausgedruckt bekommst. Von einem erhabenen Stande, durch persöhnliche Eigenschaften unendlich weit über denselben erhaben, die Gelassenheit, die Bescheidenheit, die Aquieszenz in alles was die ihr gewiß innig vertraute Gottheit über sie verhängt – mit allem Feuer des ungewöhnlichsten erhabensten Genies, den scharfen Blick durch das Innerste aller Sachen, das Eigentümliche, das unumstößlich Feste, das Weitumfassende aller ihrer Urtheile, die Kenntniß der Welt die sich nicht allein auf die Denkungsart der Grossen deren Herzen sie alle wie in Händen hat, sondern bis auf das Fassungs- und Empfindungsvermögen des Allergeringsten ausdehnt, so daß alle ihre Befehle und Aufträge
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<line tab="1"/>Goethe hat mir ein Zettelgen aus Weimar geschrieben und ist sehr zufrieden mit Wielanden. Bindet mir auch ein, ich soll ihn ungeschoren lassen. – Er hat mich auf meinen Posten nicht hingestellt, und ich kann nicht wieder meine <aq>Consigne</aq> handeln, was auch Freund und Feind dazu sagen mag. Soviel weiß ich aber daß Wiel. mein Freund werden wird wenn alles unter uns abgethan ist. Nur das letzte Wort darf ich ihn nicht behalten lassen, weil es nicht meine Sache ist die ich treibe. Sobald der Streit nur mich
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<page index="2"/>angeht, werd’ ich zu schweigen wissen. Das kannst Du allenfalls auch Wiel. selber sagen und ihm das Schwerdt gegen mich in die Hand weyhen. Nur schone er was heilig ist <ul>unter Göttern</ul> und <ul>Menschen,</ul> ich will nicht geschonet seyn.
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<line tab="1"/>Lavater! möchtest Du ein Bild in Deine Physiognomick, mit dem Du das Ideal weiblicher Vollkommenheit ausgedruckt bekommst. Von einem erhabenen Stande, durch persöhnliche Eigenschaften unendlich weit über denselben erhaben, die Gelassenheit, die Bescheidenheit, die Aquiesenz in alles was die ihr gewiß innig vertraute Gottheit über sie verhängt – mit allem Feuer des ungewöhnlichsten erhabensten Genies, den scharfen Blick durch das Innerste aller Sachen, das Eigenthümliche, das unumstößlich Feste, das weitumfassende aller ihrer Urtheile, die Kenntniß der Welt die sich nicht allein auf die Denkungsart der Grossen deren Herzen sie alle wie in Händen hat, sondern bis auf das Fassungs- und Empfindungsvermögen des Allergeringsten ausdehnt, so daß alle ihre Befehle und Aufträge
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<page index="3"/>an ihre Untergebenen aus den Wünschen derselben hervorgeholt scheinen, so daß sie eine Welt regieren könnte ohne daß sie es inne würde – alles dieses, alles alles – und mehr – willst Du sie – bethe –
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<line tab="1"/>Durch verborgene Wirkungen höherer Mächte muß sie dazu gebracht werden – denn es ist nicht falsche Bescheidenheit – es ist das zärteste Gefühl weiblicher Schüchternheit, das sie so gänzlich abgeneigt macht, irgend einem Menschlichen Anhalten ihren Schattenr<tl></tl> mitzutheilen. Gott welche Seele mahlt sich in dem Profile – welch ein Meisterstück von edler Erziehung unter den Grossen, mit alledem verbunden was ein unauslöschlicher Durst nach allem was vollkommen ist, was Kenntniß heißt und das Herz eröfnet, aus uns selber machen kann. Und denn alle die Hülfsmittel, die Constellation aller äußern Umstände – auf dem Lande gepflanzt, erzogen, an einem Hofe zur Reiffe gebracht und jetzt in seiner ganzen Liebenswürdigkeit vollendet um Tausend Elend und Einen zu einem Gott zu machen –
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<line tab="1"/>Verzeyh mir Lavater! die Romantische Sprache. lsts Idololatrie so kann sie mir Gott nicht zurechnen, es ist sein Geschöpf: sein Bild. In einem Jahr reis’ ich wohl nach Italien um alles das an den todten Werken der Kunst zu vergessen zu suchen. Noch ist mein Reisegefährt zu sehr an Strasbg. geheftet.
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<sidenote pos="left" page="3" annotation="am linken Rand, vertikal">
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<line tab="1"/>Durch verborgene Wirkungen höherer Mächte muß sie dazu gebracht werden – denn es ist nicht falsche Bescheidenheit – es ist das zärteste Gefühl weiblicher Schüchternheit, das sie so gänzlich abgeneigt macht, irgend einem Menschlichen Anhalten ihren Schattenr<tl></tl> mitzutheilen. Gott welche Seele mahlt sich in dem Profil – welch ein Meisterstück von edler Erziehung unter den Grossen, mit alledem verbunden was ein unauslöschlicher Durst nach allem was vollkommen ist, was Kenntniß heißt und das Herz eröfnet, aus uns selber machen kann. Und denn alle die Hülfsmittel, die Constellation aller äussern Umstände – auf dem Lande gepflanzt, erzogen, an einem Hofe zur Reiffe gebracht und jetzt in seiner ganzen Liebenswürdigkeit vollendet um Tausend Elend und Einen zu einem Gott zu machen –
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<line tab="1"/>Verzeyh mir Lavater! die Romantische Sprache. lsts Idololatrie so kann mir sie Gott nicht zurechnen, es ist sein Geschöpf: sein Bild. In einem Jahr reis’ ich wohl nach Italien um alles das an den todten Werken der Kunst zu vergessen zu suchen. Noch ist mein Reisegefährth zu sehr an Strasbg. geheftet.
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<sidenote pos="left" page="3" annotation="am linken Rand der dritten Seite, vertikal">
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<line tab="1"/>Vorher komm ich aber gewiß noch zu Dir und lasse mich heilen, weyhen und stärken Ob zu Leben oder Tod ist hier nicht nöthig zu fragen, Euripides sagt, vielleicht ist das Leben ein Tod und der Tod das Leben – Sey glücklich lieber Herzensforscher und antworte mir ob Du das Bild möchtest. Dein Glaube erzwingt Dirs gewiß. Immerweg und ewig Dein Lenz.</sidenote>
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<page index="4"/>
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<line type="break" /><align pos="center"><note>Außenseite des zum Umschlag gefalteten Bogens, rotes Siegel:</note></align>
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<address>Herrn Herrn Joh. Casp. <ul>Lavater</ul>
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<line type="break"/>Pfarrer am Waysenhause <ul>zu Zürich.</ul>
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<line type="break"/>Pfarrer am Waysenhause
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<line type="break"/><ul>zu Zürich.</ul>
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<line type="break"/>Durch einen Freund.</address>
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<letterText letter="103"><page index="1"/>
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<line tab="1"/>Hier haben Sie lieber Freund meine Aussöhnung mit Wielanden, die Sie sogleich Herrn Hellwing in Lemgo zuschicken werden, sie an die Wolken andrucken zu lassen. Sie ist zwar ein wenig Normännisch, wird aber wie ich hoffe zu seiner wahren Beruhigung mehr beytragen, als tausend leere Lobeserhebungen.
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<line tab="1"/>Die beyden Sachen gehören ganz nothwendig zusammen, eins steht und fällt mit dem andern und ich habe bloß <insertion pos="top">darum</insertion> damit bisher zurückgehalten um einige Nachrichten aus dem Publikum einzuziehen
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<line tab="1"/>Hier ist auch etwas von Schlossern für Ihre Sammlung das Ihnen gewiß Vergnügen machen wird. Sie dürfen das Geld dafür mit dem dem für dem ersten Mskpt. Sobald Sie es bequemlichst thun können, ihm unmittelbar nach Emmedingen zu schicken. Darüber aber ist er ein wenig empfindlich gewesen, daß Sie seinem ausdrüklichen Verbot zuwieder, seinen Namen bekannt gemacht und ihn so mit Wielanden über den Fuß spannen. Von diesem können Sie ihn immer als Verfasser nennen.
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<line tab="1"/>Aus unserer Gesellschaft die täglich anwächst, kann ich Ihnen mit der Zeit einige <ul>sehr artige</ul> Sachen mittheilen. Verschiedene Professoren unserer Akademie haben sich zu uns gethan von denen wir auch allerley hoffen. Herr Blessig schreibt hier an einem Strasburger Wochenblatt, <ul>der Bürgerfreund,</ul> das aber ganz und gar <ul>lokal</ul> ist. Auch ich schreibe hinein. Aber wie Sie sich wohl vorstellen können, alles <aq>ad captum</aq> unserer Leute. Indessen wollen wir hoffe ich andern Schriftstellern dadurch Feld bearbeiten. Leben Sie wohl u. antworten Ihrem
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<line tab="1"/>Hier ist auch etwas von Schlossern für Ihre Sammlung das Ihnen gewiß Vergnügen machen wird. Sie dürfen das Geld dafür mit dem für dem ersten Mskpt. sobald Sie es bequemlichst thun können, ihm unmittelbar nach Emmedingen zuschicken. Darüber aber ist er ein wenig empfindlich gewesen, daß Sie seinem ausdrüklichen Verbot zuwieder, seinen Namen bekannt gemacht und ihn so mit Wielanden über den Fuß spannen. Von diesem können Sie ihn immer als verfasser nennen.
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<line tab="1"/>Aus unserer Gesellschaft die täglich anwächst, kann ich Ihnen mit der Zeit einige <ul>sehr artige</ul> Sachen mittheilen. Verschiedene Professoren unserer Akademie haben sich zu uns gethan von denen wir auch allerley hoffen. Herr Blessig schreibt hier an einem Strasburger Wochenblatt, <ul>Der Bürgerfreund,</ul> das aber ganz und gar <ul>lokal</ul> ist. Auch ich schreibe hinein. Aber wie Sie sich wohl vorstellen können, alles <aq>ad captum</aq> unserer Leute. Indessen wollen wir hoffe ich andern Schriftstellern dadurch Feld bearbeiten. Leben Sie wohl u. antworten Ihrem
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<line type="break" /><align pos="right">L.</align>
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<sidenote pos="left" page="1" annotation="am linken Rand der ersten Seite, vertikal">
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<line tab="1"/>Das Soliloquium des Wetterhahn könnte füglich wegbleiben. Es ist <ul>zu</ul> schmutzig. Sorgen Sie doch dafür bester! <ul>Wenigstens muß er in Kleidern</ul> am Tisch sitzen. es wäre mir <ul>aber sehr lieb</ul>wenns ganz wegbliebe. <aq>verte</aq></sidenote>
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<page index="2"/><align pos="right">Den 21sten Jenner</align>
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<line tab="1"/>Das Soliloquium des Wetterhahn könnte füglich wegbleiben. Es ist <ul>zu</ul> schmutzig. Sorgen Sie doch dafür bester! <ul>Wenigstens muß er in Kleidern</ul> am Tisch sitzen. es wäre mir <ul>aber sehr lieb</ul> wenns ganz wegbliebe. <aq>verte</aq></sidenote>
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<page index="2"/><align pos="right">D 21sten Jenner</align>
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<line type="empty"/>
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<line tab="1"/>Eben jetzt erhalte Nachrichten, daß Herr Leibarzt Zimmermann in Hannover bey jemand nachfragt, ob die Wolken von mir seyn. Sollte er sie gesehen haben?
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<line tab="1"/>Soeben läßt er mir durch seinen Sohn sagen, er habe ein Mskpt von mir in Händen, das er in Leipzig bey Reichen werde drucken lassen. – Sollten das etwa gar die Wolken selber seyn? – Es sey was es wolle so geben Sie mir Nachricht davon und wenn Sie etwa auf die Art der Freundschaft für Hn. Wieland eine Schmähschrift hätten unterdrücken wollen, <ul>die ihm soviel Ehre macht</ul> und mit der ich <ul>ganz andere</ul> Zwecke zu erreichen hoffe, als die Schriftstellerreputation eines Mannes herunterzusetzen von dessen wahrem Werth kein Mensch in Europa eine so anschauende und richtige Erkenntniß haben kann als ich – – so bedaure ich daß Sie meine wahren Absichten – meine Einsichten – und mein Herz – so mißkennet haben – und bitte mir beydes Pasquill – und Apologie – die wie gesagt beyde <ul>nothwendig</ul> waren, beyde ohneinander nicht <ul>bestehen konnten</ul> ungesäumtst wieder zurück. So ist eines der edelsten Anschläge meines Lebens über den Hauffen geworfen.
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<line tab="1"/>Eben jetzt erhalte Nachrichten, daß Herr Leibarzt Zimmermann in Hannover bey jemand nachgefragt, ob die Wolken von mir seyn. Sollte er sie gesehen haben?
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<line tab="1"/>Soeben läßt er mir durch seinen Sohn sagen, er habe ein Mskpt von mir in Händen, das er in Leipzig bey Reichen werde drucken lassen. – Sollten das etwa gar die Wolken selber seyn? – Es sey was es wolle so geben Sie mir Nachricht davon und wenn Sie etwa auf die Art aus Freundschaft für Hn. Wieland eine Schmähschrift hätten unterdrücken wollen, <ul>die ihm soviel Ehre macht</ul> und mit der ich <ul>ganz andere</ul> Zwecke zu erreichen hoffe, als die Schriftstellerreputation eines Mannes herunterzusetzen von dessen wahrem Werth kein Mensch in Europa eine so anschauende und richtige Erkenntniß haben kann als ich – so bedaure ich daß Sie meine wahren Absichten – meine Einsichten – und mein Herz – so mißkennet haben – und bitte mir beydes Pasquill – und Apologie – die wie gesagt beyde <ul>nothwendig</ul> waren, beyde ohneinander nicht <ul>bestehen konnten</ul> ungesäumtst wieder zurück. So ist eines der edelsten Anschläge meines Lebens über den Hauffen geworfen.
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<page index="3"/>
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<line tab="1"/>– Das Packet mit den 10 Dukaten habe erhalten und danke <insertion pos="top">sehr</insertion> für die schleunige und freundschaftliche Bezahlung. Aber wie gesagt ein Dolchstich von der Hand des Freundes wäre mir angenehmer als Hintertreibung <ul>guter und edler</ul> Absichten – unter dem Schein sie zu befödern
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<line tab="1"/>Doch wenn ich mich geirret habe so verzeyhen Sie! Oder sollte selbst im befürchteten Fall, Herr Leibarzt Zimmermann auch <ul>meiner Meynung</ul> <fn index="5"><anchor>#</anchor></fn> seyn – O welche Freude für einen Jüngling, die Stimme eines solchen Mannes gewonnen zu haben. – Sonst mach ich diesen ganzen Lärm nicht eben um der Männer willen; die über Lärmen dieser Art gewöhnlich hinauszuseyn pflegen. Wenn sie aber Söhne haben – Söhne in meinen Jahren – und in meinem Fall – Söhne für die ich alles das thue –
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<line tab="1"/>– Das Packet mit den 10 Dukaten habe erhalten und danke <insertion pos="top">sehr</insertion> für die schleunige und freundschaftliche Bezahlung. Aber wie gesagt ein Dolchstich von der Hand des Freundes wäre mir angenehmer als Hintertreibung <ul>guter und edler</ul> Absichten – unter dem Schein sie zu befördern
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<line tab="1"/>Doch wenn ich mich geirret habe so verzeyhen Sie! Oder sollte, selbst im befürchteten Fall, Herr Leibarzt Zimmermann auch <ul>meiner Meynung</ul> <fn index="5"><anchor>#</anchor></fn> seyn – O welche Freude für einen Jüngling, die Stimme eines solchen Mannes gewonnen zu haben. – Sonst mach ich diesen ganzen Lärm nicht eben um der Männer willen; die über Lärmen dieser Art gewöhnlich hinauszuseyn pflegen. Wenn sie aber Söhne haben – Söhne in meinen Jahren – und in meinem Fall – Söhne für die ich alles das thue –
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<line type="break" /><fn index="5"><anchor>#</anchor></fn> und es ihm mit dem Druk in Leip. ein Ernst seyn
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<line type="break" /><align pos="center">L</align>
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<line type="break" /><align pos="right">Den 22sten</align>
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<line type="break" /><align pos="right">D 22sten</align>
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<line type="break"/>
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<line tab="1"/>Wie gesagt, vor allen Dingen, wenn meine Furcht wahr ist, bitte mir die Apologie wieder. Sie ist meine einzige Schutzwehr, der einzige Schlüssel aller meiner Absichten, auf den ich alle meine Freunde die über diese Sache an mich geschrieben verwiesen. Bekomme ich sie nicht so bin ich in einer verzweiflungsvollen Lage – und das durch Freunde – denen ich mich ohne Zurückhaltung anvertraut –
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<line type="empty" />
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<line type="break" /><align pos="center">Lenz</align>
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<page index="4"/>
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<line type="empty" />
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<line tab="1"/>Bester Freund wenn meine Furcht ungegründet ist, so verzeyhen Sie nochmals bitte ich, den Ausbrüchen meiner Leidenschaft. Mir ist an Endigung dieser Sache und an Aufklärung des Publikums über meine Gesinnungen und Handlungen gegen Wiel. alles alles gelegen. Um dieses Schrittes willen – that ich all meine bisherigen Schritte – dieser Schritt entscheidet von allen meinen künftigen. Ich kenne mein Publikum, ich habe es vorbereitet – ich habe die ganze Wirkung berechnet die das thun <ul>kann</ul> – thun soll und muß – und wenn nun am Ende der Unternehmug – – sich mir der Freund entgegen stellte und <ul>unter dem Schein</ul> mir zum Ziele zu helfen – ich kann den Gedanken nicht aushalten – entreissen Sie mich dieser gewaltsamen Gemüthsverfassung durch die geschwindigste Zurücksendung des unglücklichen Manuskripts das sodann freilich nicht in Freundshände hätte fallen sollen.
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<line tab="1"/>Viel lieber hätte ich Wiel. selber zugeschickt. Beruhigen Sie mich, ich beschwöre Sie
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<line tab="1"/>Bester Freund wenn meine Furcht ungegründet ist, so verzeyhen Sie nochmals bitte ich, den Ausbrüchen meiner Leidenschaft. Mir ist an Endigung dieser Sache und an Aufklärung des Publikums über meine Gesinnungen und Handlungen gegen Wiel. alles alles gelegen. Um dieses Schrittes willen – that ich all meine bisherigen Schritte – dieser Schritt entscheidet von allen meinen künftigen. Ich kenne mein Publikum, ich habe es vorbereitet – ich habe die ganze Wirkung berechnet die das thun <ul>kann</ul> – thun soll und muß – und wenn nun am Ende der Unternehmug – – sich mir der Freund entgegen stellte und <ul>unter dem Schein</ul> mir zum Ziele zu helfen – ich kann den Gedanken nicht aushalten – entreissen Sie mich dieser gewaltsamen Gemüthsverfassung durch die schleunigste Antwort – und wenn ich <ul>recht</ul> gerathen haben durch die geschwindigste Zurücksendung des unglücklichen Manuskripts das sodann freilich nicht in Freundshände hätte fallen sollen.
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<line tab="1"/>Viel lieber hätte ichs Wiel. selber zugeschickt. Beruhigen Sie mich, ich beschwöre Sie
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<sidenote pos="left" page="4" annotation="am linken Rand der vierten Seite, vertikal">Von Blessig und andern nächstens</sidenote>
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</letterText>
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@@ -1533,12 +1533,12 @@
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<person ref="1" />
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</sent>
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<received>
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<location ref="51" />
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<location ref="7" />
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<person ref="11" />
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</received>
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<hasOriginal value="true" />
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<isProofread value="true" />
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<isDraft value="false" />
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<isDraft value="true" />
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</letterDesc>
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<letterDesc letter="102">
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@@ -605,7 +605,7 @@
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<letterTradition letter="93">
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<app ref="4">
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Riga, Latvijas Akadēmiskā Bibliotekā, Ms. 1113, F. 25, V. 32, Nr. 14. Textverlust durch Ausriss.
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Riga, Latvijas Akadēmiskā Bibliotekā, Ms. 1113, F. 25, V. 32, Nr. 14. Textverlust durch Ausriss. Handschriftlicher Vermerk „6fl.“, „No 13“, „vie lt.“. Kalkulation in Bleistift. Rotes Siegel.
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</app>
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</letterTradition>
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@@ -623,27 +623,26 @@
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<letterTradition letter="96">
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<app ref="4">
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Riga, Latvijas Akadēmiskā Bibliotekā, Ms. 1113, F. 25, V. 32, Nr. 2. Beigelegtes Paket an Pfeffel nicht ermittelt.
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Riga, Latvijas Akadēmiskā Bibliotekā, Ms. 1113, F. 25, V. 32, Nr. 2. Beigelegtes Paket an Pfeffel nicht ermittelt. Boie legt das Manuskript von Lenz’ „Matz Höcker“ bei.
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</app>
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</letterTradition>
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<letterTradition letter="97">
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<app ref="4">
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August Stöber: Johann Gottfried Röderer, von Straßburg, und seine Freunde. Colmar 1874, S.
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S. 164f. Auf einem Aktenbogen geschrieben.
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August Stöber: Johann Gottfried Röderer, von Straßburg, und seine Freunde. Colmar 1874, S. 164f. Auf einem Aktenbogen geschrieben.
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</app>
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</letterTradition>
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<letterTradition letter="98">
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<app ref="4">
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August Stöber: Johann Gottfried Röderer, von Straßburg, und seine Freunde. Colmar 1874, S.
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93. Kärtchen mit Randeinfassung, von fremder Hand. Lavaters Unterschrift mit Handpresse gedruckt.
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93. Kärtchen mit Randeinfassung, von fremder Hand. Lavaters Unterschrift mit Handpresse gedruckt. Datum nach Freye/Stammler I, S. 311, korrigiert.
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</app>
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</letterTradition>
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<letterTradition letter="99">
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<app ref="4">
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Kraków, Biblioteka Jagiellońska, Krakau, Lenziana 5, Nr. 5. Textverlust durch Ausriss.
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Kraków, Biblioteka Jagiellońska, Krakau, Lenziana 5, Nr. 5. Textverlust durch Ausriss. Auf dem Umschlag handschriftlicher Vermerk „9“, „Francfort“; Stempel: „DEKEHL“, rotes Siegel.
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Tallinn, Eesti Ajaloomuuseum, Fondi 61, Nimistu 1, S/Ü 17, Bl. 85.
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Tallinn, Eesti Ajaloomuuseum, Fondi 61, Nimistu 1, S/Ü 17, Bl. 85. Wahrscheinlich Entwurf. „Ich bin … das nicht“: Textverlust; mit Bleistift von unbekannter Hand ergänzt.
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Zürich, Zentralbibliothek, RP 20, Nr. 7. Die beilegte „Laienepistel“ von Schlosser hatte Lenz am 2. Januar 1776 in der Straßburger Deutschen Gesellschaft vorgelesen.
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Zürich, Zentralbibliothek, RP 20, Nr. 7. Textverlust durch Ausriss; rotes Siegel. Die beilegte „Laienepistel“ von Schlosser hatte Lenz am 2. Januar 1776 in der Straßburger Deutschen Gesellschaft vorgelesen.
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